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Visitenkarten und Kreiswehrersatzämter haben auf dem ersten Blick nicht viel miteinander zu tun. Ganz anders aber soll es beim Kreiswehrersatzamt Berlin sein.
Nach Meinung des parlamentarischen Staatssekretärs im Verteidigungsministerium Thomas Kossendey (CDU) sind Kreiswehrersatzämter die Visitenkarte der Bundeswehr. Hier würden Jugendliche das erste Mal mit offiziellen Gesprächspartnern der Bundeswehr in Kontakt kommen.
Anlässlich eines Besuchs des Staatssekretärs im Kreiswehrersatzamt Berlins im September 2009 erläuterte die Leiterin des Amtes, Frau Marion Krauskopf, ihre (Zitat) “ambitionierten Aufgaben”.
Diese liegen schon seit Jahren mehr oder weniger darin, sich – wie es Thilo Sarrazin ausdrücken würde – selbst abzuschaffen. 40% Personalabbau hatte man 2009 schon hinter sich, weitere 30% sollen bis Januar 2011 folgen. Ganz nebenbei wurden drei benachbarte Kreiswehrersatzämter, nämlich Potsdam, Frankfurt (Oder) und Neuruppin gleich ganz aufgelöst.
170 Mitarbeiter sollen in Berlin Anfang 2011 noch Musterungen Eignungsfeststellungen und Überprüfungsuntersuchungen durchführen, sind für die Wehrüberwachung verantwortlich und sollen eingehende Anträge von Kriegsdienstverweigerern statistisch erfassen. Auch für die Berufsförderung von Soldaten ist man verantwortlich.
Staatssekretär Kossendey bringt es so auf den Punkt: Die Wehrpflicht ist die intelligenteste Form Nachwuchs zu gewinnen. Da fehlt zwar ein Komma und die Aussage muss man nicht für richtig halten, aber immerhin dürfte klar sein, dass er nicht mit dem Minister einer Meinung ist, der will von der intelligentesten Form nämlich nichts mehr wissen.
Bleibt noch die Sache mit der Visitenkarte, genauer der “erste Eindruck”. Mein erster Eindruck war prägend und gelinde gesagt einfach unterirdisch. Derart verbohrte Piesepampel habe ich selten auf einem Haufen gesehen.
Wie viele Stellen im Jahr 2011 abgebaut werden müssen, ist aber noch nicht klar. Abhängig davon, ob mit der Aussetzung der Wehrpflicht auch die Aussetzung der Musterungen kommt, könnten es sehr viele sein und das gesparte Geld könnte dann endlich für sinnvollere Projekte ausgegeben werden. Vielleicht gibts auch gleich eine neue Struktur und man löst gleich alle Kreiswehrersatzämter auf und verlagert die verbleibenden Aufgaben an die Wehrbereichsverwaltungen.
Manchmal wundert man sich, wenn man sich Zeitungsartikel aus der guten alten Zeit durchliest, als alles noch so schön einfach war.
Damals, also vor 3 Monaten, wurde der damalige Leiter des Kreiswehrersatzamtes, dessen “herzliche Art und effektive Arbeitsweise” stets gelobt wurde, pensioniert.
Gleichzeitig wurde natürlich auch ein Nachfolger, ein 48jähriger Beamter Namens Thomas Joemann, vorgestellt. Der pendelt seit dem von seinem Berliner Wohnsitz nach Wesel und ist zuständig für die Musterung von immerhin bis zu 40 Wehrpflichtigen täglich.
Jetzt zieht er von Berlin nach Wesel um, schließlich geht er davon aus, dass er dauerhaft in Wesel bleiben wird. “Das [die Diskussion üebr die Aussetzung der Wehrpflicht] sind doch alles nur Spekulationen. Ich jedenfalls freue mich sehr auf die neue Herausforderung”.
3 Monate später ist klar, dass die Wehrpflicht ausgedient hat, selbst in den Köpfen führender konservativer Politiker. Noch nicht ganz klar ist, ob man überhaupt noch ein Kreiswehrersatzamt in Wesel braucht. Der oberste Dienstherr von Herrn Joemann meint ‘nein’, schließlich seien Musterungen ohne verpflichtenden Grundwehrdienst nicht mehr zu rechtfertigen. Da hat er recht.
Und ich frage mich die ganze Zeit, worin genau im Schikanieren von Wehrpflichtigen eine Herausforderung liegen kann,. Ich weiß es nicht.Und nächstes Jahr hat auch Herr Joemann Gelgenheit, über diese Frage noch einmal nachzudenken.
Die Wehrpflicht soll ausgesetzt werden, die Bundeswehr setzt also in Zukunft ausschließlich auf Freiwillige.
Freiwillige hat es auch frher schon gegeben, allerdings konnte man zu Zeiten, als die Truppenstärke noch deutlich größer war, den Bedarf so nciht decken. Angeblich gibt es keine geeigneten Bewerber. Das konnte ich mir nie so recht vorstellen. Bis jetzt, jetzt kenne ich die Geschichte von Nordi30.
Nordi30 will eine Ausbildung bei der Bundeswehr machen. Schaumburger Modell nennt das die Bundeswehr, Zuckerbrot und Peitsche nenne ich das: Wer sich auf bis zu 15 Jahre verpflichtet bekommt eine Berufsausbildung.
Nordi30 hat noch keine Berufsausbildung gefunden und will sich verpflichten. Nun kommt es zur Musterung und er will schon mal vorab wissen, was ihn erwartet.
Nichts gutes vermutlich, denn er ist stark untergewichtig, hat eine Trichterbrust, Skoliose und (Zitat) er “wirk[t] schwächlich”. Die Bundeswehr wird also auf ihn wohl eher verzichten.
Seine Befürchtungen gehen aber eher in eine ganz andere Richtung. Was – so fragt er sich – passiert wohl, wenn bei der Musterung festgestellt wird, dass er sich untenrum rasiert!?
Ab und zu lese ich natürlich auch in anderen Foren zur Wehrpflicht mit. Folgende Frage von David92 erregte mein Mitleid:
Hallo,
am 7. sept.2010 hatte ich meine Musterung und wurde T2 gemustert,
da ich damit überhaupt nicht zufrieden bin habe ich vor einspruch zu erheben.
Mein wehrdienstberater hatte gemeint wenn ich mit dem medizinischen ergebnis nicht zufrieden bin soll ich alle meine behandelnden ärzte von ihrer Schweigepflicht befreien.
nun meine frage soll ich bei einem evtl einspruch eine NAchmusterung verlangen oder würdet ihr es so lassen wie ichz es hier ausformuliert habe: Hiermit lege ich unter Berufung auf die Rechtsbehelfbelehrung widerspruch gegen mein Musterungsergebnis vom 7.9.10 ein aufgrund der unzureichenden Berücksichtigung meines Hohlkreuzes und meiner Knieschmerzen.
Mit diesem Bescheid entbinde ich meinen Orthopäden Dr…. von seiner Schweigepflicht
Was kann man einem 18jährigen Wehrpflichtigen raten, der sich von seinem Gegner, dem Kreiswehrersatzamt, gleich auch noch “beraten” lässt?
Dass sein Tauglichkeitsgrad ganz sicher nicht T2 heißt, sondern wehrdienstfähig ist in diesem Zusammenhang nicht von Belang, aber schon mal pauschal und ohne Rücksprache den eigenen Orthopäden von der Schweigepflicht zu entbinden, ist so sicherlich nicht sinnvoll.
Was passieren wird? Der ärztliche Dienst guckt sich die Befunde bei der Musterung an, überprüft, ob bei der Tauglichkeitsbeurteilung “Knieschmerzen” und das behauptete Hohlkreuz berücksichtigt wurden, fragt beim Orthopäden nach, was für Schmerzen das sind, läd den Wehrpflichtigen zu einem Gespräch vor, erklärt ihm dort, dass der Einspruch, der in Wirklichkeit ein Widerspruch ist, keinerlei Aussicht auf Erfolg hat. Vielleicht untersucht man ihn aber einfach nur noch einmal. So ganz nach dem Motto Ordnung muss sein.
Und dann?
David92 wird entweder den Widerspruch zurücknehmen, weil der nette Beamte ihm das so gesagt hat. Oder er nimmt ihn nicht zurück und der Widerspruch wird von der Wehrbereichsverwaltung als unbegründet zurückgewiesen.
Viel Lärm um nichts. Eine Nachmusterung kann er auch nicht verlangen, sowas gibt es nämlich nicht und ansonsten ist der Widerspruch ohne jeglichen Sachverstand und Substanz einfach mal ins Blaue hinein eingelegt und das gesamte Pulver gleich am Anfang verschossen worden. Schade eigentlich, da hätte man sicherlich etwas drauf machen können, auch wenn es vielleicht erstmal nur zur Überbrückung einiger Monate gereicht hätte.
Die Märkische Allgemeine berichtet über einen 18jährigen Abiturienten, der eine recht eigenwillige Lebensplanung hat. Er hat sich für 17 Jahre bei der Bundeswehr verpflichtet, er geht – wie sein Opa zur Armee.
Er wird ein guter Arzt meint er und könnte damit durchaus Recht haben, schließlich gibt es auch bei der Bundeswehr gute Ärzte.
Aber eine Frage darf erlaubt sein: Was bewegt einen jungen Mann, dem sämtliche Studiengänge offenstehen, sich auf 17 Jahre so festzulegen und das Risiko einzugehen, im Ausland das Leben geben zu müssen.
Vielleicht hören wir bald mehr von Sebastian K. auf Musterungsforum.de.
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