Archive for Februar, 2010


Die Osthessen-News weisen auf eine ganz besondere Veranstaltung hin. Rolf Clement, Mitglied der Chefredaktion des Deutschlandfunk in Köln, hält am 23. Februar 2010 in Fulda einen Vortrag zur Wehrpflicht. Clement hält die Wehrpflicht für ein wichtiges Scharnier zwischen Gesellschaft und Bundeswehr.

Wie muss man sich ein solches Scharnier vorstellen, mal ganz fernab vom Komasaufen und sadistischen Spielchen mit rohem Fisch und roher Schweineleber?

Neulich habe ich jemanden kennengelernt, Unteroffizier, Mitte 30, Vater zweier Kinder, geschieden. Zur Bundeswehr gekommen über “das Scharnier”, jedenfalls sei er nie auf die Idee gekommen, zur Bundeswehr zu gehen, wenn er nicht als Wehrpflichtiger dazu gezwungen worden wäre.

Jetzt ist er Soldat auf Zeit und versucht sich mit der Teilnahme an Weiterbildungskursen vor Auslandseinsätzen zu drücken. Er denkt über eine Offizierslaufbahn nach, will aber nicht an Auslandseinsätzen teilnehmen. Und dann schimpft er, über die ganzen dummen Mannschaftsdienstgrade, die mit ihrem Hauptschulabschluss nur hinter dem Geld her sind und garnicht so richtig bei der Sache sind. Sind das die Leute, die man mit der Wehrpflicht ködern (“gewinnen”) will, die sich aus dem Grundwehrdienst heraus verpflichten sollen?

 

Aus den Kommentaren des Tagesschau-Blogs zu Mißhandlungs- und Alkoholvorwürfen bei der Bundeswehr:

ja ja wers glaubt. es gibt einen bestimmten typ mensch, der unbedingt zur armee will und einen, der alles tut um dort nicht hinzumüssen und verweigert. und das merkt man in der gleichen stunde, wo man sich mit den anderen dort zum dienstantritt meldet.

Aus eigener Erfahrung kann ich bestätigen, dass im Grundwehrdienst ganz sicher nicht die Mitte der Gesellschaft zu finden ist.

 

Schon vor fast genau 3 Jahren kam es in der Rhön-Kaerne in Waldflecken zu einem sehr ungewöhnlichen Ritual. “Geschlechtsorgan raus und Klatsch” – oder kuz “anpimmeln” – ein Stabsunteroffizier schlägt anderen Soldaten sein Geschlechtsteil ins Gesicht. Die Strafe hielt sich in Grenzen, 60 Arbeitsstunden musste der nun ehemalige Bundeswehrsoldat leisten.

Dies alles ist aber nichts gegen die Folterpraktiken, die jetzt ans Tageslicht gekommen sind. Ebenfalls in Bayern, in Mittenwald, mussten Rekruten für längergediente Soldaten putzen und spülen, bis sie sich bei perversen Aufnahmeritualen bewiesen haben.

Über 2 Tage lang mussten sie große Mengen Alkohol konsumieren, rohe Schweineleber oder sogar mit Hefe versetzte Rollmöpse essen, bis sie sich übergeben mussten. Es folgen Kellerübungen, bei denen sich Rekruten vor anderen Soldaten entleiden mussten. Eine “Angelegenheit von offenbar größerer Dimension”, bemerkt der Wehrbeauftragte ganz richtig.

Vorgesetzte sollen davon Kenntnis gehabt haben, sollen aber nicht eingeschritten sein. Die Rituale sollen seit den 80er Jahren immer weiter “perfektioniert” worden sein, wobei auch ehemalige Soldaten der Einheit an den Taten beleigt gewesen sein sollen.

 

In Deutschland ist Kriegsdienstverweigerung ein durch das Grundgesetz garantiertes Recht, dass sich im Ergebnis lediglich auf die Verpflichtung zur Leistung eines konkreten Dienstes auswirkt, in Friedenszeiten ist ein Kriegsdienstverweigerer also nicht verpflichtet den Grundwehrdienst zu leisten, sondern er muss Zivildienst leisten. Zur Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer muss ein Anerkennungsverfahren durchlaufen werden, dass in den letzten Jahren immer weiter vereinfacht wurde.

Bei unseren österreichischen Nachbarn dagegen ticken die Uhren etwas anders. Es muss kein Antragsverfahren durchlaufen werden, sondern lediglich eine Zivildiensterklärung abgegeben werden. Das Recht ist allerdings zeitlich eingeschränkt, während des Wehrdienstes können sich Wehrpflichtige in Österreich nicht auf das Recht auf Kriegsdienstverweigerung berufen. Und Kriegsdienstverweigerer dürfen keine Waffen kaufen, besitzen oder führen. Auf die Jagd dürfen sie genausowenig gehen wie etwa Polizeibeamter zu werden. Letzteres will die österreichische Regierungskoalition jetzt ändern.